BPA Bulletin Rede des Bundesministers des Innern, für Bau und Heimat, Horst Seehofer, bei der Aussprache zur Regierungserklärung zu den Themen Inneres, Bau und Heimat vor dem Deutschen Bundestag

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Deutscher Bundestag
Rede des Bundesministers des Innern, für Bau und Heimat, Horst Seehofer, bei der Aussprache zur
Regierungserklärung zu den Themen Inneres, Bau und Heimat vor dem Deutschen Bundestag am 23. März
2018 in Berlin:

Sehr verehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich beginne mit zwei Schlüsselsätzen aus dem Koalitionsvertrag. In der Präambel, gleich auf der
ersten Seite, heißt es: “Den sozialen Zusammenhalt in unserem Land wollen wir stärken und die
entstandenen Spaltungen überwinden. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst und wollen ihnen durch
unsere gemeinsame Arbeit umfassend begegnen.”
Im Kapitel zur Zuwanderungspolitik heißt es etwa 100 Seiten später: “Integrationsfähigkeit […]
beinhaltet […] auch unseren Anspruch, die Lebensbedingungen der hier lebenden Menschen […] zu
berücksichtigen.”
Ich denke, diese beidenzentralen Botschaften manifestieren, was sich in den vergangenen Wochen und
Monaten, ja vielleicht sogar in den letzten Jahren zunehmend gezeigt hat, wenn man den Menschen
genau zugehört hat: In unserer Gesellschaft erodiert der Zusammenhalt. Fragen von Zuwanderung,
Integration, kultureller Identifikation sind aufgeladen und hochumstritten. Es schwingen Ängste
mit, abgehängt, ja ungleich behandelt zu werden. Aus all diesem erwächst Spaltung, und aus diesem
erwächst Polarisierung. Beides sind ideologische Teilchenbeschleuniger. Deshalb ist es mein Ziel,
gesellschaftlicher Polarisierung entgegenzuwirken, Gruppen zusammenzuführen, Politik für die
Menschen in unserem Land zu machen.
Dabei werde ich mich zwei einfacher, aber wirksamer Antreiber bedienen: der Tatkraft und der
Beharrlichkeit. Bei Amtsantritt wird man ja regelmäßig gefragt: Was tun Sie in den ersten 100
Tagen? Ich möchte dem Parlament mitteilen: So lange möchte ich nicht zuwarten. Das spiegelt die
erste der beiden Maximen wider: Ein Weiter-so möchte ich nicht, wobei ich ausdrücklich meinem
Vorgänger, Thomas de Maizière, für seine Arbeit danke. Ich habe ein sehr gutes Haus übernommen. Wir
müssen aber auch neue Wege gehen, und wir müssen vor allem Tempo machen.
All dies werde ich gleich zu Beginn meiner Amtszeit tun. Erste Gesetzentwürfe und Konzepte, die im
Koalitionsvertrag angelegt sind, werde ich bereits in den kommenden Wochen einbringen. Mein Ziel
ist, Kabinettsbeschlüsse zu den wichtigsten Vorhaben noch vor der Sommerpause einzubringen.
Beherztes Handeln ist das Gebot der Stunde, nachdem wir viele Monate damit verbracht haben, die
Regierung zu bilden. Das gilt vor allem für folgende Trias: erstens Sicherheit, und das
flächendeckend in ganz Deutschland, zweitens Migration, gesteuert und begrenzt, und drittens
sozialer Frieden, gemeinsam und integrativ.
Die Sicherheitslage in Deutschland ist unverändert sehr bedrohlich im Hinblick auf den
islamistischen Terror. Wir müssen deshalb gemeinsam höchste Aufmerksamkeit walten lassen und unsere
Sicherheitsmaßnahmen ständig optimieren. Der Staat beansprucht für sich das Gewaltmonopol und gibt
seinerseits dafür das Sicherheitsversprechen an seine Bürgerinnen und Bürger. Niemand von uns kann
absolute Sicherheit versprechen. Aber das Menschenmögliche für die Sicherheit unserer Bürgerinnen
und Bürger müssen wir jeden Tag tun.
Dort, wo Grenzen überschritten, Regeln missachtet oder Gesetze gebrochen werden, gilt für mich null
Toleranz. Ich sage gleich zu Beginn unserer Legislatur ganz deutlich: Null Toleranz gibt es für
mich auch bei Hassparolen und Gewalt gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Dass eine
Null-Toleranz-Strategie Wirkung zeigt und abschreckt, hat sich in der Geschichte der Republik schon
vielfach gezeigt. Eine solche Strategie braucht einerseits einen breiten Rückhalt in der
Bevölkerung, aber genauso vertraue ich andererseits auf Ihre Unterstützung. Sicherheit ist nicht
rechts oder links, nicht konservativ oder progressiv; Sicherheit ist ein Menschenrecht, und dafür
setze ich mich jeden Tag ein.
Eines unserer wichtigsten Ziele, ja sogar das wichtigste Ziel im Rechtsstaat muss sein: die
konsequente Durchsetzung geltenden Rechts, und zwar in allen Bereichen und gegenüber jedermann;
denn ein starker Staat duldet keine rechtsfreien Räume. Wir sind und bleiben ein liberaler und
weltoffener Staat nach dem Motto “Leben und leben lassen”. Aber wenn es um den Schutz der Bürger
geht, brauchen wir einen starken Staat, und dafür trete ich ein.
Wir werden auch Schluss machen mit ungleicher Sicherheit, abhängig von Längen- und Breitengraden,
indem wir ein Musterpolizeigesetz für ganz Deutschland schaffen. Ein starker Staat wird ferner
gelingen mit zeitgemäßen Fahndungs- und Ermittlungsinstrumenten. Das BKA, also das
Bundeskriminalamt, als zentrales Datenhaus im polizeilichen Informationsverbund werde ich weiter
vorantreiben. Die Befugnisse im digitalen Raum müssen denen im analogen Raum angepasst werden. Auf
europäischer Ebene müssen wir alles daransetzen, die vielen Datenbanken so miteinander zu
verknüpfen, dass unsere Sicherheitsbehörden künftig schneller und zielgerichteter agieren können.
Alles nach der Maxime “Vorfahrt für die Sicherheit”.
Ich möchte auch hier im Parlament darauf hinweisen: Sicherheit beginnt an den Grenzen. Ich bin sehr
dafür, dass wir eines Tages wieder zu wirksamen Kontrollen an den EU-Außengrenzen zurückkehren. Das
würde wunderbar zur Freizügigkeit innerhalb Europas passen. Aber ich sage Ihnen auch: Solange die
Sicherheit an den Außengrenzen der EU nicht wirksam geleistet werden kann, müssen wir mit
verschiedenen Maßnahmen, vor allem intelligenten Maßnahmen, die Binnengrenzen zu unseren Nachbarn
kontrollieren.
Ich werde dafür eintreten, dass die intelligente Videotechnik weiter ausgebaut wird. Jeder, der
sich daran stößt, möge sich in die Opfer eines Überfalls in einem U-Bahnhof oder in einer
Fußgängerzone hineinversetzen und dann erneut abwägen. Wir wollen nicht wissen, wer wann in welchem
Supermarkt einkauft. Wir wollen wissen, wer dealt, wer zuschlägt, wer stiehlt oder wer einbricht,
und dann unmissverständliche Konsequenzen ziehen.
Schließlich gelingt ein starker Staat nur mit starken Polizei- und Sicherheitsbehörden.
Diesbezüglich haben Sie hier schon in der Vergangenheit massive personelle Verstärkungen,
insbesondere beim Bundeskriminalamt und bei der Bundespolizei, eingeleitet. Der Bund wird zügig
7.500 zusätzliche neue Stellen schaffen und unsere Sicherheitskräfte mit guter Ausstattung und
moderner Ausrüstung versehen. Schließlich sind unsere Sicherheitskräfte die Garanten für unser
Wohlergehen. Ich sage sehr deutlich: Wir alle müssen jene besser schützen, die uns jeden Tag
schützen.
Der zweite Punkt ist die Migration. Sie wissen: Ich habe einen Masterplan angekündigt. Drei
Bausteine liegen mir hier besonders am Herzen: die Begrenzung der Zuwanderung unter Wahrung unserer
Schutzverpflichtungen, konsequentere Abschiebungen für jene, die kein Bleiberecht haben, und
schließlich keinerlei sozialromantisches Verständnis bei Straftätern und Gefährdern.
Ich habe vor einiger Zeit zum ersten Mal von einer zahlenmäßigen Begrenzung der humanitären
Migration nach Deutschland gesprochen und erlebt, was man neudeutsch als “Shitstorm” bezeichnet.
Nun steht ein Korridor von jährlich 180.000 bis 220.000 Zuwanderern im Koalitionsvertrag. Trotzdem
gibt es keinen Grund, Menschenrechte infrage zu stellen, auch nicht das Asylrecht. Deshalb haben
wir eine ganze Fülle von Maßnahmen vereinbart: von der Bekämpfung der Fluchtursachen, die für mich
immer noch die humanste Antwort auf die Migrationsproblematik unserer Zeit ist, bis hin zu
verstärkten Abschiebungen.
Ich setze sehr auf die Ankunfts-, Entscheidungs-, Verteilungs- und Rückführungseinrichtungen, die
man kurz AnKER-Zentren nennt. Das ist ein komplizierter technokratischer Begriff; aber dahinter
verbirgt sich, dass wir schnellere rechtsstaatliche Verfahren bekommen und erst dann eine
Verteilung auf die Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland vornehmen, wenn Klarheit über den
Status besteht.
Ich will auch noch etwas zu dem omnipräsenten Thema Heimat sagen. Hier gibt es offenkundig einige
Missverständnisse. Bei Heimat geht es nicht um Folklore, Brauchtümelei oder Nostalgie. Wer dies so
versteht, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Bei Heimat geht es um die Verankerung und
Verwurzelung, um ein kulturell angestammtes Umfeld in einer globalisierten Welt. Es geht schlicht
und einfach um Zusammenhalt, um Geborgenheit, um den Halt, den jeder Mensch in unserem Lande
braucht, auch wir. Wir werden über die Heimatabteilung zum einen den gesellschaftlichen
Zusammenhalt in Deutschland stärken und zum anderen dafür kämpfen, dass wir gleichwertige
Lebensverhältnisse überall in Deutschland bekommen. Das gilt für Ost wie für West.
Ich bin sehr glücklich, dass wir einen Koalitionsvertrag haben, den ich als Koalitionsvertrag für
kleine Leute bezeichne. Ich habe noch nie an einem Koalitionsvertrag mitgewirkt, der eine so breite
soziale Dimension beinhaltet hat: von der Rente über die Pflege bis hin zur Gesundheit. Das gilt
auch für den Wohnraum. Ich sage in aller Kürze: Für mich ist die Entwicklung unserer Mieten das
soziale Problem heute und für die Zukunft. Da ist neben anderen Dingen die richtige Antwort, dass
wir genügend Wohnraum und mehr Gleichgewicht im Markt schaffen. Deshalb ist es gut, dass wir 50
Prozent mehr Wohnungen bauen werden als in der letzten Legislaturperiode, nämlich 1,5 Millionen
Wohnungen. Dieses Thema wird bei uns im Ministerium kein Anhängsel sein, sondern ein Schwerpunkt.
Das Gebot der Stunde ist: Ärmel hochkrempeln und anpacken! Nicht nur die Situation beschreiben,
sondern sich für die Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten in unserem Land einsetzen, und bei aller
Weltoffenheit, die uns auch prägt, Politik auch mit dem Herzen zu machen! Meine Erfahrung über
viele Jahrzehnte ist: Nur dann, wenn man Politik mit dem Herzen macht, gelingt sie gut.
Das alles ist ehrgeizig. Aber das ist mein Anspruch, und dem fühle ich mich verpflichtet. Ich kann
Ihnen zusichern: Die Koalition wird liefern.


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